Zwangshandlungen und ZwangsgedankenNeue Erkenntnisse zur Expositionsbehandlung von Zwängen

Welche neuen Ansätze es in der Behandlung von Zwangshandlungen, Zwangsgedanken und anderen Zwängen gibt und wie sie von Patienten beurteilt werden.

Neue Ansätze in der Behandlung von Zwängen

Neue Ansätze in der Behandlung von Zwängen (Foto: Photographee.eu | Shutterstock)

Zwänge können zu einer großen Belastung für Betroffene werden. Der innere Drang, bestimmte Dinge zu denken oder spezifische Handlungen auszuführen, kann den Alltag beeinträchtigen, aber ebenfalls das Sozialverhalten stören. In der Therapie spielt vor allem die Reaktionsverhinderung eine Rolle. Zusätzlich wird eine neue Technik – die Assoziationsspaltung – angewandt.

Zwangsgedanken und Zwangshandlungen

Unerwünschte Gedanken sind ein Phänomen, das viele Personen betrifft. Einfälle, die unangemessen sind oder nicht zur gegenwärtigen Situation passen, stellen für sich genommen keinen Störungscharakter dar. Kommt es jedoch dazu, dass diese Gedanken, die auch als Intrusionen bezeichnet werden, eine negative Bewertung erhalten, dann können sie häufiger auftreten.

Denn wenn die Gedanken nicht als harmloses mentales Ereignis angesehen werden, sondern Betroffene versuchen, diese aktiv zu unterdrücken oder zu vermeiden, dann erhalten sie eine höhere Präsenz. Das wird in der Therapie damit veranschaulicht, dass die Patienten erst intensiv an etwas denken sollen (z.B. ein bestimmtes Bild) und den Gedanken daran dann aktiv unterdrücken sollen. Dadurch wird veranschaulicht, dass genau dies nicht gelingt und sich die Gedanken an das vorherige Bild dennoch aufdrängen.

Viele Patienten reagieren auf das Auftreten der Zwangsgedanken mit bestimmten Handlungen. Die Gedanken gehen mit einem unangenehmen Spannungsgefühl einher und um dieses zu reduzieren, werden Zwangshandlungen begonnen. Wenn sich etwa der Gedanke aufdrängt, dass etwas vergessen wurde, dann reagieren Betroffene darauf mit Kontrollverhalten. Dies kann bedeuten, dass sie immer wieder prüfen, ob das Licht ausgeschaltet wurde oder der Herd abgestellt ist. Schließlich entwickeln sich diffuse Ängste, die sich auf sehr unwahrscheinliche Szenarien beziehen (z.B. den Herdknopf versehentlich im Vorbeigehen berührt und den Herd damit angeschaltet zu haben.). Entsprechende Befürchtungen führen dann zu erneutem Kontrollverhalten.

Verhaltenskontrolle und Reaktionsverhinderung

Patienten sollen in der Therapie lernen, die Wahrscheinlichkeiten für die befürchteten Ereignisse richtig einzuschätzen. So kann etwa probiert werden, ob es wirklich passieren kann, den Herd im Vorbeigehen versehentlich einzuschalten. Zusätzlich werden Patienten daran gehindert, dass Kontrollverhalten auszuführen. Stattdessen soll die unangenehme Spannung, die mit den Befürchtungen einhergeht, ausgehalten werden, bis sie sich von selbst reduziert. Dadurch wird eine Adaption an die Gedanken erreicht, die infolgedessen weniger negativ bewertet werden und deren mentale Präsenz sich daher verringert.

Als eine neues Verfahren kann auch die Assoziationsspaltung Anwendung finden. Hier werden Begriffe, die mit angstmachenden Gedanken verbunden sind, ganz bewusst mit neutralen Reizen gekoppelt. Wenn Betroffene bei dem Wort Herd etwa ein einen Wohnungsbrand oder einen Kurschluss denken, dann kann der Herd stattdessen mit anderen Wörtern (z.B. Essen, Schafsherde usw.) verbunden werden. Diese Assoziationen dürfen auch ruhig etwas weiter hergeholt sein. Um sie sich besser einzuprägen, gestalten Patienten etwa Mindmaps, in welche sie die verschiedenen Begriffe und ihre Zuordnungen zueinander aufnehmen. Auch Collagen, Denkspiele und das Einbauen der Wörter in Geschichten haben einen ähnlichen Effekt.

Diese einfache Methode wird von vielen Betroffenen gut aufgenommen, da das Gestalten von Kollagen sogar einen künstlerischen, kreativen Anreiz hat und daher ideal zu gestaltheoretischen Ansätzen oder einer Verhaltenstherapie passt.

Autor Dipl.-W.Inf. Sebastian Fiebiger MedizinjournalistDipl.-W.Inf. Sebastian Fiebiger (42)
Medizinjournalist

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  • 🕝 Psychotherapeutin

    „Bist Du in ärztlicher Behandlung?“
    Diese Frage ist dringend zu ergänzen. Sie sollte besser so gestellt
    werden: „Bist Du in psychotherapeutischer Behandlung?“! Nach der nationalen Leitlinie zur
    Behandlung von Zwangsstörungen ist IMMER eine Psychotherapie indiziert
    – und für die Diagnostik und Behandlung von Zwangsstörungen sind
    PSYCHOTHERAPEUT/INNEN die ExpertInnen! Viele (somatisch tätige)
    ÄrztInnen sind für die Erkennung und Behandlung einer Zwangsstörung oder
    anderer psychischer Erkrankungen überhaupt nicht ausreichend
    ausgebildet! PsychotherapeutInnen sind laut Psychotherapeutengesetz nur
    a) im Bereich der Psychotherapie von Erwachsenen: 1) Psychologische
    PsychotherapeutInnen (5-jähriges Hochschulstudium der Psychologie mit
    Studienschwerpunkt in Klinischer Psychologie plus mehrjährige
    Weiterbildung in Psychotherapie); 2) Ärztliche PsychotherapeutInnen
    (Medizinstudium plus im besten Fall mehrjährige Weiterbildung zu
    achärztInnen für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, im
    schlechtesten Fall wenige Stunden Fortbildung in Psychotherapie); b) im
    Bereich der Psychotherapie von Kindern und Jugendlichen: 3) Kinder- und
    JugendlichenpsychotherapeutInnen ( 5-jähriges Hochschulstudium der
    Psychologie mit Studienschwerpunkt in
    Klinischer Psychologie oder
    der Pädagogik/Erziehungswissenschaften/Heilpädagogik oder der
    Sozialpädagogik plus mehrjährige Weiterbildung in Kinder- und
    Jugendlichenpsychotherapie). In ambulanter Praxis tätige FachärztInnen
    für Psychiatrie (für Erwachsene) bzw. der Kinder- und
    Jugendlichenpsychiatrie beschränken sich neben der Diagnostik (schwerer)
    psychischer Erkrankungen fast immer auf die medikamentöse
    (Begleit-)Behandlung einer (schweren) Zwangsstörung oder anderer schwerer
    psychischer Störungen mit Psychopharmaka; sie sind meist
    psychotherapeutisch nicht sehr gut ausgebildet.

  • 🕝 baschdi

    Ganz im Gegensatz zu Deiner Forderung rät die Leitlinie ganz klar von einer ausschließlich psychotherapeutischen Begleitung ab.

    Ich habe die Frage oben ergänzt. Nicht „entweder oder“, sondern „gerne beides“ ist hier die richtige Antwort. Wobei die erste Anlaufstelle in den meisten Fällen ohnehin der Arzt ist.

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